Abitur und nun – Studium oder Berufsausbildung?

Oktober 1, 2021

Abitur - Berufsausbildung

In Deutschland gab es im Wintersemester 2020/2021 ca. 3 Millionen Studierende. Dagegen stehen 1,3 Millionen Auszubildende in Handwerk und kaufmännischen Berufen. Die Zahl der neuen Ausbildungsverträge hat wegen fehlender Bewerbungen deutlich abgenommen.

Nach dem Abitur hätte ich gern eine handwerkliche Ausbildung gemacht. Für meine Eltern unvorstellbar. Wer Abitur macht, kann doch unmöglich einen Handwerksberuf erlernen - so denken etwa 60% der heutigen Schulabgänger. Wozu sonst die Investition in eine so lange Schulausbildung. Die muss sich am Ende über das höhere Einkommen als Akademiker oder Akademikerin doch rentieren.

Stimmt das denn mit der besseren Rendite? Ist der Lebensverdienst eines Akademikers wirklich grundsätzlich höher, als der eines Handwerkers?

Ausbildungswege

Es gibt in Deutschland sehr unterschiedliche Wege nach dem Schulabschluss in den Beruf zu starten. Zum einen eine kaufmännische oder eine handwerkliche Ausbildung – die sogenannte duale Ausbildung – der Mix aus Ausbildungsbetrieb und Berufsschule.

Wer einen sogenannten höheren Schulabschluss (Fachabitur oder Abitur) hat, kann außerdem an einer (Fach)Hochschule oder Universität ein Studium beginnen.

Hier fängt – aus meiner Sicht - schon das erste Desaster an.

Schulabschlüsse werden als unterschiedlich wertvoll betrachtet. Jemand der „nur“ einen Hauptschul-Abschluss geschafft hat, gilt in den Augen vieler als weniger intelligent, nicht lernfähig oder lernwillig.

Wer einen Realschulabschluss schafft (mittlerer Schulabschluss) ist schon etwas intelligenter, die Elite sind die Abiturienten und Abiturientinnen.

Was mit der Bewertung der Schulabschlüsse beginnt setzt sich in der Bewertung der einzelnen Berufe fort.

Eine kaufmännische Ausbildung ist noch einigermaßen anerkannt. Eine handwerkliche Ausbildung ist weniger angesehen und erfährt weniger Wertschätzung.

Diese Vorurteile werden so sicher nicht ausgesprochen, prägen am Ende doch die Berufswahl.


Lebenseinkommen – wirklich besser?

Das Institut für angewandte Wirtschaftsforschung der Universität Tübingen hat dazu 2019 eine Studie zum Lebens-Einkommen veröffentlicht.

Wer einen Studienabschluss erreicht, verdient am Ende seines Berufslebens mehr als jemand mit einer Berufsausbildung. Wer sich jedoch nach seiner Berufsausbildung weiterbildet, kann mit Akademikerinnen und Akademikern durchaus mithalten. Wer einen Abschluss als Meister oder Techniker hat, erreicht ein ähnliches Lebenseinkommen. Das liegt auch daran, dass Akademikerinnen und Akademiker viel später in das Berufsleben starten und dann unter Umständen gute Gehälter erzielen. (Was noch lange nicht für jeden Studienabschluss gilt). Wer mit einer dualen Berufsausbildung beginnt, erhält vom ersten Tag an eine Vergütung für seine Tätigkeit.

Akademiker verdienen bis zu einem Alter von 60 Jahren weniger Geld. Erst dann überholen sie die Praktiker, doch der Abstand bleibt marginal. Auch mit 65 Jahren haben Meister/Techniker mit ihrem Lebenseinkommen nur drei Prozent weniger verdient als Akademiker. „... auch in der Mitte des Lebens lohnt es sich noch, einen Meister oder Techniker zu machen“, schreiben die Studienautoren Tobias Brändle, Philipp Kugler und Anne Zühlke.

Wer mehr dazu wissen möchte hier die vollständige Studie.

Außerdem brechen deutlich mehr Studierende ihr Studium ab als Auszubildende einen Lehrberuf. (siehe auch meinen Blogartikel "Die Qual der Wahl"


Wie zufrieden sind Handwerker mit ihrer Arbeit

Die Uni Göttingen hat 2019 eine Umfrage gemacht zur Arbeits- und Lebenszufriedenheit im Handwerk. 

Handwerker und Handwerkerinnen schätzen an ihrer Arbeit, dass sie die Ergebnisse ihrer Arbeit sehen können. Manche haben die Möglichkeit ein gesamtes Werkstück eigenständig herzustellen. Dadurch erleben sie ihre Arbeit als nützlich und sinnvoll. Was gerade heute vielen Arbeitenden fehlt, die ihre Arbeit als sinnlos empfinden.

Daher weisen Beschäftigte im Handwerk eine hohe Arbeitszufriedenheit auf. Das hängt zum einen mit der ganzheitlichen und weitgehend eigenständigen Arbeit zusammen. Das Gefühl etwas Sinnvolles zu tun und die Konzentration auf manuelle Tätigkeiten sind dabei genauso wichtig.

84 % der befragten Handwerker mit (Fach)Abitur sehen in ihrem Beruf ihre Berufung.  (Bei allen anderen Handwerkerinnen und Handwerker liegt die Zufriedenheit bei 81 %. )

93 % der Handwerker mit (Fach-) Abitur empfinden ihren Beruf als einen bedeutenden Teil ihrer Persönlichkeit und liegen damit 4,5 Prozentpunkte über dem Durchschnitt.

92% der (Fach)Abiturienten schätzen die neuen Herausforderungen und Entwicklungsmöglichkeiten, die ihnen der Beruf bietet

Die Zahl der (Fach)Abiturienten im Handwerk stieg 2019 um 22% auf 20.805

Die komplette Studie können Sie sich hier anschauen.

Die beliebtesten Ausbildungsberufe:

Kraftfahrzeugmechatroniker, Tischler, Elektroniker und Zimmerer

Den Weg ins Handwerk finden rund 5 % der Schülerinnen und Schüler mit Hochschulreife.

Frauen und Handwerk

Der Frauenanteil im Handwerk steigt kontinuierlich an und liegt bei neugeschlossenen Ausbildungsverträgen im Handwerk bei fast 20 Prozent.

Diese Ausbildungsberufe sind bei Frauen besonders beliebt:

Maßschneiderin (Frauenanteil 2019: 84,5 Prozent), Goldschmiedin (78,9 Prozent), Konditorin (80,5 Prozent) oder Augenoptikerin (67,2 Prozent). Zahntechnikerinnen (54,5 Prozent) oder Orthopädieschuhmacherin (43,2 Prozent) .

Der Anteil junger Frauen, die Bäckerin, Malerin und Lackiererin oder Tischlerin werden wollen ist deutlich gestiegen. Mehr zu Frauen im Handwerk hier


Wie kann eine Karriere im Handwerk aussehen?

Viele Menschen verbinden mit dem Begriff des Handwerkers eine lebenslange, schwere körperliche Arbeit.

Ja es ist richtig, einige Berufe setzen eine gewisse Körperkraft und Fitness voraus. Wer sich weiterbildet, kann andere und körperlich weniger anstrengende Aufgaben übernehmen.

Damit muss aber nicht Schluss sein

Die Berufsausbildung im Handwerk endet mit der Gesellen-Prüfung. Ein nächster Schritt kann eine umfangreiche theoretische und praktische Meisterausbildung sein. Mit einem Meisterbrief in der Tasche können neue Aufgaben übernommen werden. Wie z.B. Vorarbeiter oder Bauleitung, Kalkulationsaufgaben, Disposition und Planung der Arbeitseinsätze, Ausbildung. Außerdem kann mit dem Meisterbrief ein Unternehmen gegründet oder übernommen werden.

Wer mit dem Meisterbrief nicht zufrieden ist, kann eine Techniker-Ausbildung machen und sich so neue Aufgabengebiete erschließen.


Handwerk oder Studium

Wer sich für eine handwerkliche Ausbildung entscheidet, steht im direkten Austausch mit Kolleginnen oder Kollegen, Kundinnen oder Kunden. Üblicherweise wird der Handwerker tätig, wenn ein konkreter Auftrag vorliegt. Anders als in der industriellen Massenfertigung, wo auf Verdacht gefertigt wird und dann eine Vertriebsorganisation für den Absatz sorgt.

Der hohe Fachkräftebedarf im Handwerk ist ein Garant für einen sicheren Arbeitsplatz. Wer sein Handwerk versteht, braucht vor Arbeitslosigkeit keine Angst zu haben. Ganz anders als Studierende, die nach Ende des Studiums oft lange nach einem Job suchen müssen.

Der große Zahl der Studienabbrüche und die Arbeitslosenquote unter Hochschulabsolventen, steht auf der anderen Seite der enorme Fachkräftebedarf im Handwerk gegenüber. Für mich ist es an der Zeit, diese Ausbildungsgänge nicht gegeneinander auszuspielen.

Wer mit einer beruflichen Ausbildung startet, kann danach auch noch studieren. Wer ein Studium abbrechen möchte, ist sicher im Handwerk als Auszubildender gern gesehen.

Mehr Durchlässigkeit und mehr Informationen über Ausbildungs- und Studieninhalte wären für mich ein guter Anfang.

Wie ging es Ihnen nach dem Abitur?

Wie einfach war für Sie die Entscheidung für eine Ausbildung?


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