Heute habe ich Nicole Borho - Inhaberin der Trostwerkstatt - zu einem Gespräch eingeladen. Was Trost und Trauer mit einer Kündigung des Arbeitsplatzes zu tun haben - erfahren Sie in unserem Gespräch.

Judith Eggers (JE)
Vielleicht magst du einfach mal erzählen, wer du bist, was du machst und wie du da überhaupt zu gekommen ist. Liebe Nicole.

Nicole Borho

Nicole Borho (NB)
Ich bin Nicole Borho. Inhaberin der Trost-Werkstatt in Angelbachtal. Ich bin unter anderem Trauerbegleiterin und in meiner Trost-Werkstatt gestalte und nähe ich Lebens- und Erinnerungskissen.

JE
Was genau kann ich mir unter einem Erinnerungs-Kissen vorstellen.

NB
Das sind Kissen, die mit Geschichten und Erinnerungen an  den Verstorbenen gefüllt sind. Sie können helfen mit ihnen in eine neue Form der Verbindung zu treten.

JE
Wie bist du darauf gekommen?

NB
Angefangen hat es mit Aroma-Kissen. Die habe ich aus Recycling Stoffen genäht, unter anderem aus Herren-Hemden. Das waren die Erinnerungs-Kissen, die dazu da waren, Erinnerungen zu konservieren. Da war zum Beispiel so eine alte Bluse, die ich im Schweden-Urlaub getragen habe. Daraus habe ich das Kissen genäht. So hat mich das Kissen mich immer wieder an diesen Urlaub erinnert.


Irgendwann hat mich eine Kundin angefragt, ob ich ihr ein Erinnerungs-Kissen an ihren Papa nähen könnte. Sie hatte noch ein Tuch im Schrank liegen, das sie mit ihrem Vater verbindet. Dieses Tuch sollte ich in das das Erinnerungskissen einarbeiten. Das Tuch verband sie mit der Zeit, in der sie ihren Papa im Sterben begleitet hat. Deshalb sollte es unbedingt eingearbeitet werden. Wir haben dann ein Gespräch geführt und dabei das persönliche Kissen gestaltet. Das habe ich dann für sie genäht.
Rückblickend war das etwas, was ganz viel bei ihr ausgelöst hat. Sie konnte sich ihrer Trauer öffnen und ihrer Trauer Raum geben. Durch das Kissen und durch unser Gespräch konnte sie so eine neue Art der Verbundenheit zu ihrem Papa herstellen oder entwickeln.

Meine Kundin beschreibt es so "Irgendwas ist bei ihr zur Ruhe gekommen" und das selbst nach 21 Jahren. Der Tod Ihres Vaters war 21 Jahre her. Dieses Erlebnis hat etwas in mir ausgelöst, etwas ist bei mir passiert bei mir. Das hat mich so berührt, dass ich dem einfach nachgegangen bin. Ich habe mich vertieft mit den Thema Trauer auseinander gesetzt. Wie kann ich im Trauerprozess eine neue Art der Verbundenheit herstellen? Bei dieser Arbeit kann ich auch meine eigenen Trauererfahrungen mit einbringen.

JE
Ja sehr spannend.

NB
Wie kann ich mit dem Verlust, den ich erfahren habe leben?

JE
Das ist ja ein sehr spannender Prozess. Wir sind ja auf die Idee gekommen, heute mal miteinander zu sprechen, weil ich aus einer ganz anderen Ecke komme. Als jemand, der viel mit Menschen arbeitet, die ihre Jobs verlieren oder verloren haben. Und zwar nicht, weil sie sich selber dazu entschieden haben, sondern weil sie, wie es so schön heißt, freigesetzt wurden aufgrund von organisatorischen Maßnahmen oder ähnlichem. Auch da ist es ein sehr langer Prozess und es kam mir immer vor wie so eine Art Trauerprozess. Kann das tatsächlich sein?

NB
Ja, absolut. Die Kündigung durch den Arbeitgeber passiert gegen den eigenen Willen, ist unfreiwillig. Manchmal hat es ja auch sehr weitreichende Folgen. Zum Beispiel, wenn jemand sehr lange im Betrieb war, reisst es ihm den Boden unter den Füßen weg. Einfach weil derjenige eine große Verbundenheit verspürt. Der Betrieb hat ihn ja jahrelang begleitet. Oft hängen ja auch finanzielle Themen dahinter. Dies sind die Aspekte, die es einfach schwierig machen. Und ich glaub auch die Intensität der Beziehung, wie lange jemand mit dem Betrieb verwoben war, bestimmte auch die Heftigkeit der Reaktion darauf.

Manchmal kommt die Kündigung des Arbeitsplatzes ja aus heiterem Himmel. Der Betroffene hatte überhaupt keine Möglichkeit sich vorzubereiten. Er oder sie ist wie vor den Kopf gestoßen. Von jetzt auf gleich ist es oft so, dass die Welt nicht mehr die gleiche ist wie vorher. Das ist einfach so! Es reißt dir den Boden unter den Füßen weg.

JE
Ich habe das auch erlebt. Auch wenn ich eigentlich wußte, es gab schon lange Verhandlungen im Unternehmen und ich wußte was auf mich zukommen wird. Selbst dann ist der Prozess immer noch so, wie du ihn gerade beschrieben hast. Und was mich immer wieder erstaunt hat, wie lange es dauert, bis dieser Trauerprozess abgeschlossen ist. Was sind so aus deiner Erfahrung typische Phasen während eines Trauer-Prozesses?

NB
Ja, es dauert einfach. Vor allem bis jemand sich an dieses neue Leben adaptiert hat. Den Verlust sozusagen ins Leben integriert. Und das kann man. Also ich greife gern auf das Trauer-Modell von Verena Kast zurück. Dieses Modell beschreibt den Trauerprozess in vier Phasen. In jeder Phase stehen andere Dinge im Vordergrund. Wobei zu betonen ist, dass der Übergang der Phasen nicht statisch zu sehen ist, sondern fließend. Es ist auch nicht untypisch, dass man von einer vorhergehenden Phasen kurzzeitig wieder zurückfällt. All das gehört zum Trauerprozess dazu.

Die erste Phase: Jemand will einfach nicht wahrhaben, was passiert ist. In der zweiten Phase: das Aufbrechen von Emotionen. Dann die dritte Phase: des Suchens, das sich trennen. Das heißt, nach neuen Optionen oder Alternativen suchen.

NB
In der vierten Phase: bahnt sich ein sich neuer Weg an. Das sind so diese typischen vier Phasen.

JE
Der Weg, der sich für meine Klienten anbahnt: Die Entscheidung "Jetzt gehe ich auf Jobsuche."  Was mich interessiert, welche Emotionen brechen in der der zweiten Phase auf? Ist das Wut oder kann es bis zu einer Depression gehen?

NB
In der ersten Phase, wenn die Kündigung durch den Arbeitgeber ausgesprochen ist, ist es ist ganz unterschiedlich. Jeder reagiert anders. Manche reagieren mit Erstarrung, dass sie einfach überhaupt nichts mehr denken können. Andere empfinden es so, als ob ein Film abläuft. Manche sind außer sich und wütend. Also die volle Bandbreite.

JE
Manche meiner Klienten erzählen, dass sie auch in bestimmten Phase sehr empfindlich sind. Das Selbstbewusstsein ist irgendwie weg ist. Gehört das zur Trauerarbeit oder ist dies speziell jetzt den Kündigungsprozess?

NB
In der zweiten Phase brechen irgendwann Emotionen auf. Jemand fühlt sich im Gefühlschaos. Aus einer Erstarrung kann dann plötzlich Wut entstehen. Zorn, Schmerz, Traurigkeit, alles Mögliche. Man hat Wut auf sämtliche Leute, auf den Chef, auf die Firma. Und dieses absolute Gefühlschaos, wo jemand sich völlig unsortiert fühlt. Vor allem steht hier auch die Frage im Mittelpunkt "Hätte ich es verhindern können?"  Oder trage ich Schuld daran? Habe ich irgendetwas falsch gemacht? Oder wurde die Kündigung von jemanden beeinflusst? Solche Fragen kommen hoch, wenn jemand sich sortiert oder orientiert.

Diese Phase kann tatsächlich über Wochen und Monate gehen. Das ist ganz unterschiedlich.

JE
Wenn ich so an meine Klienten denke. Sie verbinden Trauer und Kündigung kaum miteinander. Gibt es dazu Tipps von Deiner Seite. Wie kommt jemand gut durch diese Phasen?

Kündigung

NB
Ich glaube, dass es entlastend ist, anzuerkennen in einem solchen Trauerprozess zu sein. Dass die eigenen Reaktionen darauf ganz normale Reaktionen sind. Dass jemand nicht verrückt ist. Auch wenn das Umfeld vielleicht meint, man müsste doch jetzt nach vorne gucken und vielleicht auch mal rational und strategisch denken. Aber das ist einfach nicht möglich – noch nicht. Es braucht Zeit bis jemand überhaupt fähig ist, den Blick nach vorne zu richten. Das es überhaupt möglich ist, nach vorne zu denken. Es braucht seine Zeit.
Wenn jemand eine Kündigung erhält, wenn jemand so etwas erlebt, überhaupt anzuerkennen, das er oder sie  in einem Trauerprozess ist. Ich glaube, das dies sehr entlastet.

JE
Oft ist es ja eine Zeit, wo dann von außen, was du ja auch gerade gesagt hast, Druck erzeugt wird. Unter dem Motto "Jetzt hast Du Deinen Job verloren, Okay ja...

NB
Jetzt aber flott nach vorne.

Ja, ist ja oft gar nicht möglich, weil man sich ja innerlich erst mal irgendwie adaptieren muss an die Situation. Es ist da einfach so ein bestimmter Ablauf. Man muss tatsächlich diese Phasen durchlaufen, bis man sich traut zu denken, ich will nach vorne gucken. Sich traut, den Schritt nach vorne zu gehen und sich tatsächlich mit Alternativen oder Optionen zu beschäftigen. Es dauert einfach seine Zeit.

JE
Kann man sagen wie lange so eine Phase normalerweise dauert? Dauert sie vier Monate oder vier Jahre. Gibt es da Erfahrungswerte?

NB
Sicherlich ist sie bei jedem unterschiedlich. Aber ein paar Wochen ist nichts Ungewöhnliches. Manchmal hängt man einfach mehrere Wochen durch. Wie lange es hängt halt auch von der Heftigkeit ab. Wie einschneiden ist für jemanden die Veränderung?

JE
Oft ist es ja tatsächlich so. Die Klientinnen und Klienten die ich hatte und habe, waren oft schon sehr lange im Unternehmen. Manche sind von der Ausbildung bis zu vierzig Jahren im Unternehmen gewesen.

NB
Ja, das ist sicher heftiger, als wenn du drei Monate da warst und irgendwie nur die Probezeit nicht überstanden hast. Bei denen die lange im Unternehmen waren hängen ganz viele Emotionen, Geschichten, Erinnerungen dran. Das macht es natürlich heftig macht. Sie fühlten sich dazugehörig und identifizierten sich mit dem Betrieb. Wenn Du dann vor die Tür gesetzt wirst, ist das natürlich viel härter als nach drei Monaten im Unternehmen. Da geht es wieder auf Jobsuche - was soll's?

JE
Dann ist immer noch die Frage: Wie ist, wie wird der Prozess gestaltet? Wie geht man mit den Betroffenen um?

Und ich hatte immer das Gefühl, wenn jemand eigentlich erfolgreich ist, z.B. als Führungskraft oder jemand macht einen super Job, dann ist die Trennung besonders heftig. Es wird eine unternehmerische Entscheidung getroffen und dann ist jemand weg, egal wie gut sie oder er war.

NB
Genau. Dann kommen die Fragen "Wer hat es beeinflusst?" "Wer hat Schuld?" "Habe ich Schuld?" Das sind so typische Fragen, die dann hochkommen.
"Habe ich zu oft nein gesagt?" "In wiefern trage ich Schuld?" Oder wer hat mir da einen Stein in den Weg gelegt?"

JE
Gibt es eine Möglichkeit für jemanden- wenn er in diesen Phasen ist – irgendwie gegenzusteuern? Kann das funktionieren?

NB
Ja wenn er oder sie anfängt, sich mit Optionen zu beschäftigen. Etwa ab der dritten Phase. Wenn sie oder er in ruhigeres Fahrwasser kommt. Wenn zumindest die Idee da ist oder die der Gedanke vorhanden ist, mal nach Optionen zu gucken. Ich glaube, da ist es an der Zeit sich Hilfe ins Boot zu holen z.B. in Form von Coaching. Oft hat  jemand auch keine Idee, wo die Reise hingehen könnte. Vielleicht fühlt sich jemand auch noch so ideenlos, ohne Perspektive. Aber gerade in der Phase geht's darum, dran zu bleiben und da aktiv zu werden und zu gucken, was es für Optionen gibt.

JE
Gilt das auch für die Menschen, die tatsächlich einen Angehörigen verloren haben? Du hast ja gesagt, Du machst auch Trauerbegleitung. Ist das auch der Phase. wo sich Trauernde Unterstützung holen?

NB
Ja genau. Es gibt Trauerbegleiter, die die akute Phase begleiten. Ich begleite meine Klienten ab der dritten Phase. Da geht es darum: wie kann ich es schaffen meinen Verlust in eine neue Option zu verwandeln? Wie kann ich den Verlust tatsächlich mitnehmen in ein neues Leben? Um das auf den Jobverlust zu übertragen: welche Perspektiven gibt es?  Dazu muss jemand anerkennen, dass es einen Verlust gegeben hat. Und welche Optionen lassen sich daraus entwicklen? Dazu gehört auch sich Gedanken zu machen: was war gut im Betrieb?
Oder gibt es eine Möglichkeit, in eine neue Richtung zu gehen, die mir vielleicht besser liegt. In dieser Phase geht es darum, Klarheit über einen neuen Weg zu erarbeiten. Sich klar zu werden, wie die Zukunft aussehen könnte. Wie der neue Job aussehen könnte. Was habe ich gern getan im alten Betrieb? Was möchte ich beibehalten und was lieber nicht?

JE
Das ist ein stückweit die positive Chance oder überhaupt die Chance in dem Verlust. Was oder wie kann ich mein Leben sogar besser machen?

NB
Ein Stückweit ja genau das. Was kann ich mitnehmen aus der Zeit, die ich jetzt loslasse? Und wie kann ich mein neues Leben gestalten? Die Chance liegt darin, dass ich etwas Neues besser auf mich zuschneiden kann. Etwas zu finden, was noch besser zu mir passt oder zu meiner Lebenssituation. Ja, und da finde ich, da ist Coaching super hilfreiches Mittel, in die Klarheit zu kommen. Genau da anzusetzen, Klarheit darüber zu bekommen, wie das neue Leben aussehen könnte. Gleichzeitig den Verlust anzuerkennen und etwas zu entwickeln, wie das neue Leben aussehen könnte. Um dann in der letzten Phase in Aktion zu treten. Das jemand sagt: "Okay, jetzt weiss ich was ich will. Jetzt bewerbe ich mich, mache eine Ausbildung oder eine Weiterbildung  oder da möchte ich mich vertiefen. Jetzt hab ich's wieder."

JE
Und für Deine Trauerbegleitung bedeutet das zum Beispiel dass Deine Klientin oder Klient so ein Kissenhaben möchte. Das Du dann individuell anfertigst.

NB
Ja, ich entwickle das genau mit Ihnen. Das heißt, wie kann ich denn den Verlust in das neue Leben integrieren? Wie kann ich meinen geliebten Mensch in mein neues Leben integrieren? Wo kann ich Ihnen Platz geben? Zum Beispiel, wenn jemand ein Kind verloren hat und gründet dann eine Wohltätigkeitsorganisation, die den Namen des Kindes trägt. Das ist ein solches Beispiel. Es gibt viele Möglichkeiten, wie man einen geliebten Menschen in sein Leben holen kann. Genau hier möchte ich helfen, nach einer passenden Möglichkeit zu suchen.
Wo jemand dann seine persönlichen Erfahrungen weitergeben kann. Genau. Das heißt, wie kann mich der Mensch auf einer anderen Ebene unterstützen- mir irgendwie präsent bleiben. Und darum geht es, eine neue Form der Verbindung herzustellen. Umso mit dem Verlust leben zu können. Das ich daraus Stärke ziehen kann und mich unterstützt fühlen.

JE
So weit sind wir gar nicht entfernt, mit dem was wir mit unseren Klientinnen und Klienten tun. Ich danke dir für diesen tollen Einblick in das, was Trauerarbeit und natürlich auchTrost ist. Danke noch einmal und sehr gern hören und sehen wir uns demnächst wieder.

NB
Auf jeden Fall gerne. Tschüss!

Mehr über Nicole Borho erfahren https://nicole-borho.de/


Welche Erfahrungen haben Sie mit Kündigungen gemacht?

Wie sind Sie mit Trauer umgegangen?


Schreiben Sie mir gern eine Mail: judith@judith-eggers.de oder hinterlassen Sie einfach einen Kommentar


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